Hollandaustausch: Unser Besuch in Leiden April 2016
Montag, 6:50 Uhr: Wir standen am Hauptbahnhof in Pforzheim und waren gut gelaunt, ...
... denn alle anderen gingen zur Schule oder zur Arbeit und wir machten uns auf den Weg nach Leiden. Wir wollten unsere holländischen Austauschschüler wiedersehen, die uns ein halbes Jahr zuvor in Pforzheim besucht hatten. Wir, eine Gruppe von 9 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe des „Erler“, waren Teilnehmer eines Schulaustauschs mit dem Vlietland College in Leiden. Begleitet haben uns unsere Lehrerin Frau Bürkle und Frau Busche.
Wir stiegen in den Zug ein und verbrachten die nächsten Stunden mit Musikhören, Schlafen und Umsteigen. Unterwegs wurde der Blick von den Burgen im Rheintal und später von Backsteinhäusern und Bauernhöfen in den Bann gezogen. Als wir am Nachmittag aus dem Zug stiegen und unsere Austauschschüler uns freudig erwarteten, waren wir uns sicher, die kommende Woche würde ein voller Erfolg werden. Manchen stand jetzt ihre erste Fahrradtour samt Gepäck bevor. Andere durften erst einmal die Meeresluft am Strand genießen. Dann kam für uns alle der spannende Moment: Wie würde uns der Rest unserer Austauschfamilie begrüßen? Und wie würden wir die nächsten Tage wohnen?
Nach einem gemütlichen Abendessen bei dem wir die Familien kennenlernten, verabredeten wir uns im Stadtzentrum. Nun machten auch die letzten von uns Bekanntschaft mit dem Fahrrad, das uns die nächste Woche begleiten und ganz nebenbei unsere Kondition verbessern würde. Die holländische Straßenführung erstaunte uns, denn hier gab es für Fahrräder nicht nur extra Fahrspuren, sondern sogar einen eigenen Kreisverkehr.
Dienstag: Unser erster Tag in Leiden begann in der Schule. Wir trafen uns zum Deutschunterricht in einer Klasse und wurden zuerst von der Direktorin des Vietland Colleges begrüßt, bevor wir uns mit der holländischen Klasse in kleinen Gruppen über das deutsche und das niederländische Leben, Gemeinsames und Unterschiede austauschten. Danach ging es mit dem Fahrrad und einigen holländischen Austauschschülern nach Leiden ins Zentrum. Dort bummelten wir durch die Einkaufsstraßen und trafen uns dann mit Frau Bürkle und Frau Busche am Morspoort in der Stadt. Von dort aus starteten wir eine dreistündige, sehr interessante, aber auch anstrengende Stadtführung, in der wir viele Hintergrundinformationen zu Gebäuden und Plätzen, sowie dem Leben heute und früher in Holland und insbesondere in Leiden bekamen. Am Abend waren wir alle bei Margot, einer holländischen Austauschpartnerin, eingeladen um den Abend miteinander verbringen zu können.
Am Mittwoch war Den Haag unser Ziel. Dort angekommen beeindruckte uns zuerst die Architektur des Bahnhofs. Nach ein paar Metern zu Fuß standen wir schon vor dem „Stadhuis“, welches von außen zunächst eher unscheinbar wirkte. Im Inneren stellte sich aber heraus, dass dieser Bau des amerikanischen Architekten Richard Meier fast wie eine Stadt in der Stadt angelegt war. Vom obersten Stockwerk aus betrachtet wirkte die zentrale „Empfangshalle“ mit Sitzgruppen, großen Pflanzen, einer Ausstellung, kleinen Cafés und Restaurants wie ein überdachter Platz, umgeben von vielen Büros der Stadtverwaltung.
Im Mauritshuis lernten wir gleichzeitig Bilder großer niederländischer Maler wie etwa Rembrandt, Vermeer und Jan Steen im Original kennen, als auch die neuesten Trends der Museumspädagogik, denn unser Handy war unser Guide, durch eine App konnten wir uns alles Wissenswerte über die Gemälde anhören. „In het Paleis“, dem früheren Winterpalast der Königin-Mutter Emma befindet sich heute das Escher-Museum, eine Ausstellung voller optischer Täuschungen. Hier konnten wir auch nette Fotos machen wie etwa ein Bild, das unsere Körpergröße radikal verändert.
Später hatten wir noch Zeit um die Stadt selbst zu erkunden. Leider haben uns der heftige Dauerregen und ziemlich frostige Temperaturen vorwiegend in die Shoppingpassagen geführt.
Donnerstag: Als wir in Amsterdam ankamen, waren wir erst vollkommen überwältigt wie voll die Stadt war. Überall fuhren Leute auf Fahrrädern herum, telefonierten in den unterschiedlichsten Sprachen, Touristengruppen stiegen aus Zügen und Bussen, schon beim Ankommen auf dem Bahnhof begriff man, wie
international Amsterdam ist. Und der Bahnhof stand direkt an einer Gracht, holländischer kann Holland gar nicht sein.
Unsere erste Station war die Kirche unter dem Dachboden, in Holland „Ons‘ Lieve Heer op Solder“ genannt. Die Kirche befindet sich in einem alten Grachtenhaus im Rotlichtviertel. Es ist ein kleines Museum, das von außen leicht zu übersehen ist. In den unteren Stockwerken wird gezeigt, wie das Leben im 17. Jahrhundert stattfand. Betritt man jedoch den Dachboden, liegt dort eine dreigeschossige katholische Geheimkirche, die von Jan Hartmann eigenhändig aufgebaut wurde. Damals durften die Katholiken ihren Glauben nicht öffentlich ausüben. Das taten sie dann heimlich in den geheimen Dachgeschosskirchen. „Ons‘ Lieve Heer op Solder“ ist eine der vielen geheimen Kirchen in Amsterdam, und eine der schönsten.
Als nächstes machten wir uns auf zum Anne Frank Haus. Wir bestaunten auf dem Weg die großen Plätze und die prächtigen Grachtenhäuser, zum Teil mit direktem Zugang vom Keller zum Wasser, zum Teil mit mächtigen Flaschenzügen vor der Fassade, da weder die Möbel der heutigen, noch die Handelswaren der früheren Bewohner durch die schmalen und steilen Treppenhäuser transportiert werden konnten. Auffallend waren auch die Parkplätze: Nur ein knöchelhoher Metallzaun trennte die Autos von den Grachten.
Als wir vor dem Anne Frank Haus standen, deutete nichts darauf hin, dass hinter diesen Mauern einst eine Familie zwei Jahre überlebte, ohne auch nur einmal das Sonnenlicht zu sehen. Nur die Menschenmassen, die schon am frühen Morgen vor den Türen des Hauses warteten, zeigten, dass die Geschichte Anne Franks Menschen auf der ganzen Welt berührt und beeindruckt.
Durch das gesamte Haus führt ein Rundgang, so dass man jedes Zimmer durchlaufen kann, in dem die Familie damals gelebt hat. Einige Originalobjekte wie z.B. Bilder an der Wand, Bleistiftstriche im Türrahmen, die zeigten, um wie viel Anne und ihre Schwester in den zwei Jahren gewachsen sind, oder der Bücherschrank, der die Türe verdeckte durch die man in den geheimen Teil des Hauses kam, gaben uns eine Vorstellung vom Leben im Versteck.
Ebenso verdeutlichten Zitate aus Annes Tagebuch, Fotos und Filme ihr Leben in Gefangenschaft. Doch nicht nur Anne Frank stand im Fokus, sondern auch ihre Familie und die Menschen, die dazu beitrugen, dass sie 2 Jahre unentdeckt überleben konnten.
Um Amsterdam selbst zu erkunden, teilte sich die große Gruppe auf in kleine Grüppchen, die shoppen oder essen oder auf die Jagd nach Fotomotiven gingen. Bei der holländischen Fast-Food-Variante gibt es das ‚Essen aus der Wand‘. Das Ganze funktioniert relativ einfach: Man sucht sich etwas zu essen aus, wirft Geld in einen Schlitz und kann die Klappe öffnen in der es sich befindet. Zu kaufen gibt es da Leckereien wie Pommes, Kroketten oder Hotdogs.
Als Abschluss stand eine Grachten-Rundfahrt mit dem Boot auf dem Plan. Der Zeitpunkt war optimal gewählt, da inzwischen alle ziemlich müde vom vielen Laufen und froh waren, die Aussicht vom Boot aus zu genießen. Das warme Wetter machte die Rundfahrt perfekt und wir lernten einiges über die bekanntesten und interessantesten Orte in Amsterdam.
Am letzten Ausflugstag des Schüleraustausches machten wir uns auf nach Rotterdam, der Stadt mit dem größten Seehafen Europas. Die neue Markthalle Rotterdams kann man sich als riesigen überdachten Wochenmarkt vorstellen, auf dem man viele kulinarische Spezialitäten entdecken kann. Noch viel ungewöhnlicher als die gigantischen Ausmaße dieses Bauwerks ist aber seine Hülle, denn in den Wänden dieser Markthalle kann man wohnen. Die Fenster der Wohnungen geben auf der einen Seite den Blick über die Stadt frei, auf der anderen Seite über die Marktstände.
Einige von uns haben sich von einem Riesenrad aus einen Überblick über die Stadt verschafft: Rotterdam ist eine sehr moderne Stadt. Experimentelle Wohnformen haben hier schon fast Tradition. „Kijkkubus“, eine besonders „schräge“ Wohnsiedlung mussten wir unbedingt noch anschauen: Die Häuser hatten die Form eines auf die Spitze gestellten Würfels. Eines der Häuser durften wir sogar von innen besichtigen, eine interessante und zugleich verwirrende Entdeckung. Verwirrend war das Erlebnis anscheinend nicht nur für uns, denn schon am Eingang stand der vorsorgliche Hinweis „No Softdrugs“.
Ein Spaziergang an der Maas entlang gab uns noch einmal einen Eindruck davon, wie in Rotterdam alte mit neuer Architektur verbunden wird und führte uns zur „Kunsthal“ mit einer Ausstellung des Fotografen Philippe Halsman.
Zurück in Leiden haben sich am Abend alle in einem italienischen Restaurant bei Pizza oder Pasta gestärkt, um dann den Abend bei Renée zu Hause ausklingen lassen.
Der letzte Morgen war angebrochen. Wir packten unsere Sachen und aßen ein letztes „Ontbijtje“ (Frühstück) mit Hagelslag oder Stroopwafels. Kurz darauf hatte sich unsere ganze Gruppe am Hauptbahnhof versammelt. Ein letztes gemeinsames Foto wurde geschossen, viele Umarmungen und Beteuerungen uns wiederzusehen wurden ausgetauscht und dann fuhr schon der Zug ein. Abschiedstränen flossen reichlich und mit großem Bedauern bestiegen wir den Zug. Die Woche war wie im Flug vorbeigegangen und hat uns mit vielen schönen und unvergesslichen Eindrücken zurückfahren lassen.
Bericht von: Janine Beuerlein, Natascha Bonidis, Maurice Braatz, Annika Domschat, Chiara Drechsler, Laureen Drechsler, Hannah Heinrich, Priscilla Ratz, Marc-Filip Wild